Leche

In der Hitze Havannas erscheint mir manchmal alles wie ein Flirren. Und doch, wenn ich durch den Sucher meiner Kamera blicke, fokussiert sich die Welt. So wie in diesem Moment, als ich an einem regnerischen Nachmittag den Regalen in einem Laden am Revolutionsplatz gegenüberstand. Packungen mit Kondensmilch, gestapelt bis zur Decke, ihre leuchtend orange-blauen Farben knisterten förmlich unter dem Neonlicht. Das Muster der wiederholten Markenlogos und Preisschilder, wobei der Preis in CUP, der nationalen Währung Kubas, und in CUC, der für Touristen und bestimmte Güter verwendeten parallelen Währung, angegeben ist, erzeugt einen Rhythmus, einen visuellen Takt, der mich gefangen nahm.

Die Bildkomposition ist simplizistisch, aber bedeutsam und durchdacht. Bei einer Brennweite von 70 mm habe ich ein Stück Alltag eingefangen, das dennoch Aufschluss über die wirtschaftlichen Strukturen und die Versorgungssituation in Kuba gibt. Die Blende f8 ermöglichte mir, dem Bild eine gewisse Tiefe zu verleihen, ohne dabei die scharfen Details zu verlieren – jedes Preisschild, jede leichte Delle in den Kartons ist präzise zu erkennen. Dieses Bild, das ich als 'Leche' betitelte, spiegelt auf subtile Weise die Komplexität des Kubanischen Alltags wider. Milch ist ein Grundnahrungsmittel, und die Packungen hier sind mehr als nur Produkte – sie sind Symbole für den Fluss von Gütern in einem Land, das vielen widersprüchlichen Realitäten unterworfen ist.

Als ich den Auslöser drückte, spürte ich eine merkwürdige Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit. Vertraut, weil es ein Anblick ist, wie man ihn in vielen Städten Lateinamerikas sehen könnte, und doch fremd, durch die besonderen kubanischen Wirtschafts- und Gesellschaftsaspekte. Ich habe dieses Bild aufgenommen, weil es zwischen den Zeilen liest und ohne laute Worte so viel über den Ort erzählt, an dem ich gerade stand.

Der Revolutionsplatz in Havana ist nicht nur ein politisches Symbol, sondern auch ein Alltagsort, eine Bühne des Lebens. Den Alltag hier in etwas Visuelles zu übersetzen, das erfühlt und erinnert werden kann, ist, was mich antreibt. Dieser Moment, eingefroren in einem Bild, erlaubt uns, innezuhalten und die kleinen, oft übersehenen Aspekte zu betrachten, die erzählen, wo wir stehen – geografisch, sozial, ja manchmal auch emotional.


Dieser Beitrag ist Teil der Fotoreihe Cuba von Dr. Alexander Motzek. Erkunde hier weitere Fotografien dieser Kollektion.

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